Vier Versuche, eine Liebe — wie vier erfolglose ICSIs unsere Beziehung auf die Probe stellten
Vier ICSI-Zyklen, unzählige Spritzen, ein Wartezimmer, das mit der Zeit vertrauter wurde als das eigene Wohnzimmer. In dieser Folge erzählt Lena, wie ihre Endometriose und die eingeschränkte Spermienqualität ihres Partners Mark nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Beziehung veränderten – und wie sie einen Weg zurück zueinander gefunden haben.
Elf Jahre zusammen, sieben davon im Kinderwunsch
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich mir selbst Mut zugesprochen habe, während ich die Spritze gegen meinen Bauch drückte. Nach der vierten ICSI zähle ich stattdessen andere Dinge: die Tage seit dem letzten Streit. Die Wochen seit wir uns zuletzt ohne Grund berührt haben. Die Minuten, die Mark und ich schweigend im Auto sitzen, nachdem der Arzt wieder „negativ” gesagt hat.
Wir kennen uns seit elf Jahren. Sieben davon versuchen wir, eine Familie zu werden. Ich habe Endometriose – eine Diagnose, die ich lange nur als Wort kannte, bevor sie zu etwas wurde, das mein Becken, meine Zyklen und irgendwann auch meine Ehe umformte. Mark hat eine eingeschränkte Spermienqualität. Auf dem Papier klingt das wie zwei medizinische Fakten, die sich addieren. Im echten Leben fühlt es sich an wie zwei Menschen, die sich gegenseitig die Schuld nicht geben wollen – und es trotzdem manchmal tun, in Momenten, in denen die Erschöpfung lauter ist als die Liebe.
Der Körper als Projekt
Niemand bereitet dich darauf vor, wie sehr eine Kinderwunschbehandlung deinen Körper in ein Projekt verwandelt, das verwaltet, optimiert und überwacht werden muss. Hormonspiegel, Follikelgrößen, Transfertermine. Ich habe irgendwann aufgehört, mit Mark über Sex zu sprechen, der nicht in einen Zyklusplan passte. Nähe wurde zu etwas, das man sich für den „richtigen Tag” aufhob – und an allen anderen Tagen fühlten wir uns eher wie Kollegen in einem gemeinsamen Projekt als wie ein Paar.
Ich erinnere mich an die dritte ICSI. Mark hatte gerade seine Ergebnisse vom Labor bekommen, wieder unterdurchschnittlich, und ich sah, wie er sich im Badezimmer einschloss. Nicht um zu weinen – das hätte ich verstanden. Sondern um mir nicht zeigen zu müssen, dass er sich schämte. Für einen Moment war ich wütender auf diese Scham als auf die Diagnose selbst. Ich wollte ihm sagen: Das ist nicht deine Schuld. Aber ich hatte diesen Satz schon so oft gesagt, dass er zwischen uns hohl klang, wie eine Floskel aus einem Ratgeber.
Wenn die Statistik Namen bekommt
Wir wussten die Zahlen auswendig, bevor wir sie verstanden hatten. Dass bei Frauen mit Endometriose die Erfolgsraten pro Zyklus niedriger liegen können. Dass eine eingeschränkte Spermienqualität die Befruchtungsrate senkt, aber durch ICSI oft trotzdem eine Schwangerschaft möglich ist – die Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch sind vielfältig und bei uns kamen gleich zwei davon zusammen.
Diese Sätze klingen im Sprechzimmer nüchtern und fast tröstlich. Zuhause, nach dem vierten negativen Test, werden aus Prozentzahlen Gesichter: das Gesicht, das wir uns beim ersten positiven Strich vorgestellt hatten. Das Gesicht, das jetzt vier Mal nicht gekommen ist.
Was mir keiner gesagt hat: dass der Kinderwunsch nicht nur an der Fruchtbarkeit nagt, sondern auch an der Sprache, die ein Paar miteinander spricht. Mark und ich, die früher stundenlang über nichts reden konnten, fingen an, uns in Klinik-Vokabular zu unterhalten. „Wie war der Progesteronwert?” ersetzte „Wie war dein Tag?”. Ich vermisste unsere alte, alberne Sprache mehr, als ich es je zugegeben habe.
Der Punkt, an dem wir fast aufgehört haben
Nach der vierten gescheiterten ICSI saßen wir beide am Küchentisch, und keiner von uns weinte. Das war vielleicht der beängstigendste Abend von allen – nicht der mit den Tränen, sondern der mit der Leere danach. Mark sagte irgendwann: „Ich weiß nicht mehr, ob ich das für uns mache oder gegen uns.” Ich hatte keine Antwort. Nur das Gefühl, dass wir beide, ohne es auszusprechen, an derselben Frage saßen: Verlieren wir gerade das Kind, das wir uns wünschen – oder verlieren wir einander dabei, es zu bekommen?
Wir haben in dieser Nacht keine Entscheidung getroffen. Aber wir haben etwas anderes getan, das im Rückblick wichtiger war: Wir haben uns entschieden, eine Paartherapeutin zu suchen, die auf Kinderwunschbehandlungen spezialisiert ist – nicht um die Beziehung zu retten, sondern um überhaupt wieder ehrlich miteinander reden zu können, ohne dass jeder Satz sofort zu einer Wertung über Schuld und Versagen wurde.
Was bleibt, wenn der Plan nicht aufgeht
Ich kann diese Geschichte nicht mit einem positiven Test beenden. Wir wissen bis heute nicht, ob es für uns ein fünftes Mal geben wird, ob wir uns für eine Eizell- oder Samenspende öffnen, für Adoption – oder für ein Leben zu zweit, das genauso vollständig sein kann wie eines mit Kind. Was ich gelernt habe, ist etwas anderes: dass eine Beziehung durch eine Kinderwunschbehandlung nicht automatisch stärker oder automatisch zerstört wird. Sie wird ehrlicher und gezwungen dazu, sich zu fragen, was sie eigentlich zusammenhält, wenn das gemeinsame Ziel plötzlich nicht mehr sicher ist.
An manchen Abenden legt Mark jetzt einfach seine Hand auf meinen Bauch, ohne dass es um einen Zyklustag geht. Das ist kein großes romantisches Bild. Es ist nur ein kleiner Beweis dafür, dass wir uns die Sprache zurückerobern, die uns die Behandlungen fast genommen hätten. Vielleicht ist das, was am Ende zählt: nicht ob wir irgendwann ein Kind in den Armen halten, sondern ob wir uns dabei nicht aus den Augen verlieren.
Diese Geschichte ist keine reale Einsendung, sondern inspiriert von den Erfahrungen, die uns aus der Community erreichen. Namen und Details wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert.

Claudia Remsing ist die Gründerin und Herausgeberin von Wegweiser Kinderwunsch, einem der führenden deutschsprachigen Online-Magazine für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. Nach 10 Jahren eigener Kinderwunsch-Erfahrung mit Endometriose, IVF, ICSI und Adoption gründete sie das Magazin, um fundierte Informationen bereitzustellen und Tabus zu brechen. Sie arbeitet eng mit einem Netzwerk medizinischer Fachexperten zusammen, darunter Kinderwunsch-Ärzte nationaler und internationaler Kliniken. Zu ihrem Netzwerk gehören beispielsweise unter anderen auch Julia Neuen (Gründerin der Kinderwunsch-Kursplattform Storchgeflüster und von peaches für Female Health), Gynäkologin Dr. Heidi Gößlinghoff und Heilpraktikerin Kathrin Steinke. Beim Think Tank Fertility in Berlin traf sie Louise Brown, den ersten durch IVF geborenen Menschen der Welt. Als Initiatorin der Kampagne #1von7 zur Enttabuisierung des unerfüllten Kinderwunschs war sie unter anderem auf RTL und im Brigitte Magazin zu sehen. Mehr über die Herausgeberin Claudia Remsing, redaktionelle Standards und das Expertennetzwerk.









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