Frucht­bar­keits­po­li­tik: Was Deutsch­land von Frank­reich ler­nen kann

Frankreich und Deutschland im Kontext der Fruchtbarkeit

Frank­reich macht ernst. Mit dem „Plan Natio­nal Fer­ti­li­té” hat die fran­zö­si­sche Regie­rung im Früh­jahr 2025 ein struk­tu­rier­tes, natio­na­les Kon­zept vor­ge­stellt, das sich mit einem wach­sen­den Pro­blem befasst, das vie­le Län­der längst erkannt haben – das aber kaum einer offen anspricht: sin­ken­de Frucht­bar­keit und stei­gen­de Unfrucht­bar­keit als gesell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung. Für Deutsch­land ist das ein Spie­gel – und der Blick dar­in ist unbe­quem.

Was ist der „Plan Natio­nal Fer­ti­li­té”?

Frank­reich hat 2025 erst­mals eine umfas­sen­de natio­na­le Stra­te­gie zur Frucht­bar­keit ver­öf­fent­licht. Der Hin­ter­grund ist ernst: Im Jahr 2025 über­stie­gen die Ster­be­zah­len in Frank­reich erst­mals seit dem Zwei­ten Welt­krieg die Gebur­ten­zah­len. Seit 2010 wur­den 25 Pro­zent weni­ger Kin­der gebo­ren.

Rund 3,3 Mil­lio­nen Men­schen in Frank­reich sind von Unfrucht­bar­keit betrof­fen – und vie­le war­ten ein bis zwei Jah­re, bevor sie über­haupt medi­zi­ni­sche Hil­fe suchen oder erhal­ten.

Der Plan umfasst 16 kon­kre­te Maß­nah­men, geglie­dert in drei zen­tra­le Ach­sen:

  • Auf­klä­rung und Prä­ven­ti­on – damit Men­schen früh­zei­tig wis­sen, was ihre Frucht­bar­keit beein­flusst.
  • Früh­erken­nung und Dia­gno­se – damit nie­mand jah­re­lang im Dun­keln tappt.
  • Ver­sor­gung und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te – damit Betrof­fe­ne schnell und gut beglei­tet wer­den.

Die Maß­nah­men der fran­zö­si­schen Frucht­bar­keits­po­li­tik im Detail – was beson­ders über­zeugt

Eini­ge Punk­te aus dem fran­zö­si­schen Plan sind so kon­kret und sinn­voll, dass sie es ver­die­nen, genau­er beleuch­tet zu wer­den.

Ein natio­na­ler Infor­ma­ti­ons­brief für 29-Jäh­ri­ge – mit evi­denz­ba­sier­ten Fak­ten zur Frucht­bar­keit. Kei­ne Wer­bung, kei­ne Angst, son­dern Wis­sen. Gera­de das The­ma Alters­fak­tor und Frucht­bar­keit wird in Deutsch­land viel zu sel­ten offen ange­spro­chen. Wer ver­ste­hen möch­te, wie sich das Alter auf die Eizell­re­ser­ve aus­wirkt, kann sich hier bei uns über den AMH-Wert und sei­ne Bedeu­tung infor­mie­ren.

Auf­klä­rung zur repro­duk­ti­ven Gesund­heit bereits in Schu­len. Das ist kei­ne Panik­ma­che – das ist Prä­ven­ti­on. Wer als jun­ger Mensch weiß, dass Rau­chen, Über­ge­wicht oder bestimm­te Umwelt­gif­te die Frucht­bar­keit beein­flus­sen kön­nen, trifft spä­ter bewuss­te­re Ent­schei­dun­gen.

Prä­ven­ti­on von Umwelt- und Lebens­stil­ri­si­ken – aus­drück­lich genannt wer­den endo­kri­ne Dis­rup­t­o­ren, Rau­chen und Ernäh­rung. Dass Umwelt­fak­to­ren eine Rol­le spie­len, ist wis­sen­schaft­lich belegt. Wer mehr dar­über erfah­ren möch­te, wie Ernäh­rung die Frucht­bar­keit beein­flusst, fin­det bei uns hilf­rei­che Infor­ma­tio­nen rund um das The­ma natür­lich schwan­ger wer­den.

Platt­for­men zur Früh­erken­nung von Fer­ti­li­täts­ri­si­ken. Statt erst dann zum Arzt zu gehen, wenn es „nicht klappt”, soll aktiv geprüft wer­den, ob ein Risi­ko besteht – bevor wert­vol­le Zeit ver­streicht.

Ver­bes­se­rung der Endo­me­trio­se- und PCOS-Dia­gnos­tik. Bei­de Erkran­kun­gen sind häu­fig, bei­de wer­den im Durch­schnitt viel zu spät dia­gnos­ti­ziert. Endo­me­trio­se und PCOS kön­nen den Weg zum Wunsch­kind erheb­lich erschwe­ren – umso wich­ti­ger ist eine frü­he Erken­nung.

Kos­ten­über­nah­me von Social Free­zing für Frau­en zwi­schen 29 und 37 Jah­ren. Das ist mutig und kon­se­quent. Wer sei­ne Eizel­len ein­frie­ren las­sen möch­te, um sich die Opti­on auf ein Kind offen­zu­hal­ten, soll dabei finan­zi­ell unter­stützt wer­den – unab­hän­gig von einer medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on.

Mehr For­schung und Inno­va­ti­on in der Repro­duk­ti­ons­me­di­zin. Denn was wir heu­te noch nicht kön­nen, soll­ten wir mor­gen kön­nen.

Wo steht Deutsch­land?

Ehr­lich gesagt: deut­lich wei­ter hin­ten.

Eine ver­gleich­ba­re natio­na­le Stra­te­gie zur Frucht­bar­keits­po­li­tik gibt es in Deutsch­land nicht. Zwar leis­tet die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung unter bestimm­ten Bedin­gun­gen einen Zuschuss zu Kin­der­wunsch­be­hand­lun­gen – doch eine struk­tu­rier­te, prä­ven­ti­ve und auf­klä­ren­de Gesamt­stra­te­gie fehlt bis­lang fast voll­stän­dig.

Auf­klä­rung über den Alters­fak­tor? In Schu­len und Arzt­pra­xen kaum vor­han­den. Vie­le Frau­en wis­sen erst dann, dass ihre Eizell­re­ser­ve begrenzt ist, wenn sie selbst beim Frau­en­arzt sit­zen und nach Mona­ten des erfolg­lo­sen Ver­su­chens Fra­gen stel­len.

Umwelt­ein­flüs­se auf die Frucht­bar­keit? Ein Rand­the­ma in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on, obwohl Stu­di­en seit Jah­ren auf sin­ken­de Sper­mi­en­qua­li­tät und hor­mo­nel­le Stö­run­gen durch All­tags­che­mi­ka­li­en hin­wei­sen.

Sys­te­ma­ti­sche Früh­erken­nung? Nicht eta­bliert. Ein Basis-Fer­ti­li­täts-Check gehört in Deutsch­land nicht zur Regel­ver­sor­gung – weder für Frau­en noch für Män­ner.

Das ist kein Vor­wurf an ein­zel­ne Ärz­tin­nen oder Ärz­te, die täg­lich groß­ar­ti­ge Arbeit leis­ten. Es ist ein struk­tu­rel­les Pro­blem. Und struk­tu­rel­le Pro­ble­me brau­chen struk­tu­rel­le Lösun­gen – also genau das, was Frank­reich gera­de ver­sucht.

Was bedeu­tet das für dich als Betrof­fe­ne?

Wenn du dich gera­de auf dem Weg zum Wunsch­kind befin­dest oder schon län­ger ver­suchst, schwan­ger zu wer­den, dann ist die­ser Arti­kel kei­ne schlech­te Nach­richt. Er ist ein Auf­ruf zur Selbst­er­mäch­ti­gung – denn auch wenn die Poli­tik noch nicht so weit ist, kannst du heu­te schon han­deln.

Infor­mie­re dich früh­zei­tig über dei­nen Zyklus, dei­ne Frucht­bar­keit und mög­li­che Ein­fluss­fak­to­ren. Tools wie ein Zyklus­com­pu­ter kön­nen dabei hel­fen, dei­nen Kör­per bes­ser zu ver­ste­hen und die frucht­ba­ren Tage zuver­läs­sig zu bestim­men.

Lass dich und dei­nen Part­ner früh­zei­tig durch­che­cken. Ein Sper­mio­gramm kann zum Bei­spiel von zu Hau­se aus durch­ge­führt wer­den. Wer weiß, wo er steht, kann geziel­ter han­deln.

Sprich offen über das The­ma – mit dei­ner Ärz­tin, dei­nem Arzt, dei­nen Freun­den. Unfrucht­bar­keit ist kein per­sön­li­ches Ver­sa­gen. Sie ist ein medi­zi­ni­sches The­ma, das jeden tref­fen kann. Je mehr wir dar­über reden, des­to mehr Druck ent­steht auch poli­tisch.

Frucht­bar­keits­po­li­tik als gesell­schaft­li­che Auf­ga­be

Was Frank­reich gera­de tut, ist mehr als Fami­li­en­po­li­tik. Es ist eine Aner­ken­nung der Tat­sa­che, dass Unfrucht­bar­keit ein gesell­schaft­li­ches The­ma ist – eines, das Mil­lio­nen Men­schen betrifft, das Schmerz ver­ur­sacht und das struk­tu­rel­le Ant­wor­ten braucht.

Wir kom­mu­ni­zie­ren medi­zi­ni­sches Wis­sen zu wenig – das gilt für Deutsch­land ganz beson­ders. Das ist die eigent­li­che Lücke. Nicht das Wis­sen selbst fehlt, son­dern sei­ne Ver­brei­tung.

Frank­reich macht einen wich­ti­gen Schritt. Und Deutsch­land? Es ist Zeit, den eige­nen Plan zu ent­wi­ckeln. Bis dahin sind Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te wie die­ses umso wich­ti­ger – damit du weißt, was du tun kannst, auch wenn die Poli­tik noch auf­holt.

Häu­fi­ge Fra­gen und Ant­wor­ten zur Frucht­bar­keits­po­li­tik

Was ist der „Plan Natio­nal Fer­ti­li­té”? 

Der „Plan Natio­nal Fer­ti­li­té” ist ein natio­na­ler fran­zö­si­scher Akti­ons­plan, der 2025 vor­ge­stellt wur­de. Er umfasst 16 Maß­nah­men in den Berei­chen Auf­klä­rung, Früh­erken­nung und Ver­sor­gung, um der stei­gen­den Unfrucht­bar­keit struk­tu­riert zu begeg­nen.

War­um ist Frucht­bar­keits­po­li­tik ein gesell­schaft­li­ches The­ma? 

Weil Unfrucht­bar­keit kein indi­vi­du­el­les Pro­blem ist, son­dern Mil­lio­nen Men­schen betrifft. In Frank­reich sind es 3,3 Mil­lio­nen, in Deutsch­land schät­zungs­wei­se ähn­lich vie­le. Ohne struk­tu­rier­te Auf­klä­rung und Prä­ven­ti­on suchen vie­le Men­schen erst zu spät Hil­fe – und ver­lie­ren wert­vol­le Zeit.

Was macht Frank­reich kon­kret gegen sin­ken­de Gebur­ten­ra­ten? 

Frank­reich setzt auf Auf­klä­rung ab der Schu­le, Früh­erken­nung von Frucht­bar­keits­pro­ble­men, ver­bes­ser­te Dia­gnos­tik bei Erkran­kun­gen wie Endo­me­trio­se und PCOS sowie die Kos­ten­über­nah­me von Social Free­zing für Frau­en zwi­schen 29 und 37 Jah­ren.

Hat Deutsch­land eine ähn­li­che Stra­te­gie wie Frank­reich? 

Nein. Eine natio­na­le Stra­te­gie zur Frucht­bar­keits­po­li­tik fehlt in Deutsch­land bis­lang weit­ge­hend. Es gibt zwar Zuschüs­se zur Kin­der­wunsch­be­hand­lung durch die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung, aber kei­ne über­ge­ord­ne­te, prä­ven­ti­ve Gesamt­stra­te­gie.

Was ist Social Free­zing und war­um plant Frank­reich es zu finan­zie­ren? 

Social Free­zing bezeich­net das vor­sorg­lich Ein­frie­ren von Eizel­len – ohne medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit, aber mit dem Ziel, sich die Mög­lich­keit auf ein Kind zu einem spä­te­ren Zeit­punkt offen­zu­hal­ten. Frank­reich will die Kos­ten für Frau­en zwi­schen 29 und 37 über­neh­men, um ihnen mehr Pla­nungs­si­cher­heit zu geben.

Wel­che Rol­le spie­len Umwelt­fak­to­ren bei Unfrucht­bar­keit? 

Umwelt­fak­to­ren wie endo­kri­ne Dis­rup­t­o­ren (bestimm­te Che­mi­ka­li­en in All­tags­pro­duk­ten), Rau­chen und eine unaus­ge­wo­ge­ne Ernäh­rung kön­nen die Frucht­bar­keit bei Frau­en und Män­nern beein­flus­sen. Frank­reich berück­sich­tigt die­se Fak­to­ren expli­zit in sei­nem natio­na­len Plan.

War­um wird Unfrucht­bar­keit in Deutsch­land noch zu wenig the­ma­ti­siert? 

Das hat his­to­ri­sche, kul­tu­rel­le und struk­tu­rel­le Grün­de. Das The­ma ist tabu­be­la­den, fehlt in Schul­lehr­plä­nen und wird in der Regel­ver­sor­gung kaum prä­ven­tiv ange­spro­chen. Dabei wäre früh­zei­ti­ge Auf­klä­rung ein ent­schei­den­der Schritt.

Was kann ich selbst tun, wenn ich mir Sor­gen um mei­ne Frucht­bar­keit mache? 

Lass dich früh­zei­tig beim Frau­en­arzt oder Uro­lo­gen bera­ten. Ein Hor­mon­check, ein Sper­mio­gramm oder ein Zyklus­com­pu­ter kön­nen ers­te wich­ti­ge Hin­wei­se lie­fern. Je frü­her du infor­miert bist, des­to bes­ser kannst du han­deln.

War­um wer­den Endo­me­trio­se und PCOS im Zusam­men­hang mit Frucht­bar­keits­po­li­tik erwähnt?

 Bei­de Erkran­kun­gen sind häu­fi­ge Ursa­chen für ein­ge­schränk­te Frucht­bar­keit und wer­den in Deutsch­land im Schnitt jah­re­lang zu spät dia­gnos­ti­ziert. Eine frü­he­re Erken­nung kann Betrof­fe­nen hel­fen, schnel­ler die rich­ti­ge Unter­stüt­zung zu erhal­ten.

Gibt es in Deutsch­land Initia­ti­ven für bes­se­re Frucht­bar­keits­auf­klä­rung? 

Es gibt ein­zel­ne Initia­ti­ven und Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te, dar­un­ter Online-Maga­zi­ne wie Weg­wei­ser Kin­der­wunsch, die Betrof­fe­ne fun­diert und ein­fühl­sam beglei­ten. Eine staat­lich koor­di­nier­te Stra­te­gie, wie sie Frank­reich jetzt umsetzt, ist in Deutsch­land jedoch noch nicht eta­bliert.

Claudia
Aut­hor: Clau­dia

Clau­dia hat über 10 Jah­re Kin­der­wunsch-Erfah­rung — sie ist Endo­me­trio­se-Figh­te­rin, IVF-Ken­ne­rin, ICSI-Schwes­ter, Pimp my Eggs Befür­wor­te­rin und Initia­to­rin der Kin­der­wunsch-Bewe­gung #1von7

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