Interview mit Jenny

Kinderwunsch Unplugged: „Ich habe schon einiges mitgemacht, um schwanger zu werden.“

In der Reihe Kinderwunsch Unplugged führt Wegweiser Kinderwunsch Interviews mit Frauen und Männern, die vom unerfüllten Kinderwunsch betroffen sind. Hier hier werden Themen angesprochen, die meistens tabu sind. Du bist auf deinem Kinderwunsch-Weg mit allen seinen Sorgen, Ängsten und Nöten nicht alleine. (Update: Dieses Interview wurde am 28.11.2016 zusammen mit Jenny aktualisiert)


Heute im Interview: Jenny (3 ICSIS, 2 Kryos), bislang kein Kind

Jenny hat schon einiges mitgemacht um schwanger zu werden: Von der Natürlichen Familienplanung, über 5 künstliche Befruchtungen (3 ICSIs und 2 Kryos), eine biochemische Schwangerschaft sowie eine Eileiterschwangerschaft. Ein Baby hat sie dadurch bislang leider noch nicht bekommen. Aber den Wunsch nach einem leiblichen Kind gibt sie nicht auf.

 

Wegweiser Kinderwunsch:
Wer bist Du? Erzähle uns ein wenig über dich selbst.

Jenny:

Ich heiße Jenny und bin 28 Jahre alt. Ich wohne mit mein Ehemann in einer kleinen Stadt am Meer wo andere gerne Urlaub machen. Leider habe ich (noch) keine Kinder, zumindest keine menschlichen.

Meine beiden Katzenkinder sind allerdings mein ganzer Stolz und für den Anfang schonmal gut gelungen. Ich bin kreativ, arbeite gerne am Computer und bin ein ziemlicher Dickkopf. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt und rede auch nicht gerne über mich.

Wegweiser Kinderwunsch:
Was hast Du auf Deinem Kinderwunsch-Weg alles erlebt?

Jenny: 

Man könnte vielleicht eher fragen, was ich noch nicht erlebt habe…

Tatsächlich habe ich schon einiges mitgemacht. Wir wünschen uns seit mehr als 4 Jahren aktiv ein Kind und haben seither alles für die Erfüllung dieses Wunsches gegeben. Anfangs haben wir klassisch „gehibbelt“ und uns von Eisprung zu Eisprung gehangelt. Ganz romantisch mit „Sex nach Plan“, und dann auch mal ohne.

 

Irgendwann wurden dann die Arzttermine vereinbart. Bis wir erfuhren wo wirklich unser Problem liegt vergingen vom ersten Termin bis zur Diagnose ganze 6 Monate. Das lag nicht an uns, sondern an dem furchtbaren Verhalten der Ärzte. Sehr erniedrigende Aussagen und Ratschläge ohne jede Form der Empathie mit völlig unangebrachter Wertung mussten wir uns anhören.

Noch heute ärgert es mich so sehr, wie man uns damals behandelt hat, dass ich heulen könnte. Wir wechselten dann zu den richtigen Ärzten und wurden das erste Mal ernst genommen. Ein wunderschönes Gefühl endlich zu erfahren, dass man doch nicht dumm und ungewöhnlich ist. Wir starteten vor 3 Jahren in die Kinderwunschbehandlung mit einer unerwarteten Hürde: beim ersten Ultraschall in der Kinderwunschklinik kam eine faustgroße Zyste zum Vorschein, die sofort entfernt werden musste. Zysten begleiteten uns danach lange Zeit immer wieder.

Eine Bauch- und Gebärmutterspiegelung später starteten wir in die erste von bisher 4 durchgeführten künstlichen Befruchtungen (ICSI). Bisher hatten wir insgesamt diese 4 Frischversuche und 2 weitere Kryoversuche mit Embryonen aus den Frischversuchen.

Die 3. ICSI war mit einer biochemischen Schwangerschaft zumindest kurz erfolgreich, endete aber leider in einem Abort. Die 4. ICSI endete tragisch in einer Eileiterschwangerschaft. Auf dem Weg trafen uns weitere Diagnosen die wir behandeln mussten. So kamen wir mühsam Schritt für Schritt voran. Uns wurde auch eine Partnerimmunisierung empfohlen, welche wir machen ließen.

In der Hoffnung, damit nun den finalen Schritt getan und unserem Glück endgültig entgegen treten zu dürfen. Doch leider mussten wir stattdessen sehr viel Schmerz und Verluste verkraften. Mittlerweile haben wir die Kinderwunschklinik gewechselt und befinden uns auf dem Weg zum 5. Versuch. Wir trafen auf neue Erkenntnisse, Möglichkeiten und und Wege und hoffen nun mehr den je auf das lang ersehnte positive Ergebnis.

Wegweiser Kinderwunsch:
Was sind für dich die größten Herausforderungen und Probleme in Bezug auf den unerfüllten Kinderwunsch?

Jenny:

Hoffnung und Kinderwunsch

Die größte Herausforderung ist, mit der Zeit die Hoffnung nicht zu verlieren. In meiner Partnerschaft und der Familie habe ich so viel Halft, dass ich mir hier keine Sorgen machen muss.

Wenn ich emotional überfordert bin, schafft es immer jemand mich schnell wieder auf Spur zu bringen. Allen vorweg natürlich mein Mann. Ohne würde das gar nicht funktionieren. Ein einzelner Mensch kann diese Erfahrungen nicht mit sich alleine verarbeiten.

Kommunikation miteinander über Ängste, Sorgen und Gefühle halte ich für das A&O diese Zeit als Paar zu überstehen.

Trotzdem bin ich ein absolut realistischer Mensch und je mehr ich ausprobiere und je mehr Zeit vergeht, je mehr Versuche verstreichen und hart verdientes Geld in dieses Lebensprojekt fließt… desto schwieriger wird es aus tiefstem Inneren heraus an diesen Weg zu Glauben.

Der Wunsch nach einem gemeinsamen, leiblichen Kind treibt uns allerdings bisher unaufhörlich voran und daher können wir trotz allem was passiert ist nicht ans Aufgeben denken.

 

Wegweiser Kinderwunsch:
Gab es für dich einen persönlichen Tiefpunkt und wie hast du ihn überwunden?

Jenny:

Lange Zeit dachte ich, dass der schlimmste Moment der war, in dem das Telefon klingelte und es wenige Augenblicke später hieß: du wirst niemals auf natürlichem Wege ein Kind von deinem Mann bekommen. Ich dachte, es gäbe keinen unerträglicheren Gedanken. Tatsächlich aber war es der eine Moment, als uns nach der 4. ICSI klar wurde, dass sich unser Baby im Eileiter verirrt hatte und nun entfernt werden musste.

Ich saß im Krankenhaus auf dem Bett und zusammen mit meinem Mann weinten wir still in die Leere hinein. Uns wurde klar, dass das Ziel kurz so nah und nun doch so fern war. Wir verloren unser hart erkämpftes Baby. Wir hatten etliche Tausend Euros bezahlt, da wir keine Unterstützung von der Krankenkasse mehr erhalten hatten (zuvor auch nur zu 50%).

In meinem Kopf machte sich eine einzige große Angst vor der Zukunft breit… An einem Punkt in der Vergangenheit hatten wir uns entschieden zu kämpfen, die Zügel selber in die Hand zu nehmen und alles zu geben. Seitdem sind wir so stark wie nie zuvor und kämpfen wie Löweneltern. Doch nun spielte das alles nur noch eine untergeordnete Rolle, denn wie sollten wir uns den weiteren Weg nur leisten?

Wegweiser Kinderwunsch: 

Was gibt dir sonst noch Kraft und Mut auf deinem Weg?

Jenny:

 

IN MEINEN GEDANKEN STELLE ICH MIR OFT VOR WIE DAS SEIN KÖNNTE, SCHWANGER SEIN, EIN BABY BEKOMMEN UND DIESES UNENDLICHE GLÜCKSGEFÜHL EINER EIGENEN FAMILIE ZU ERLEBEN

Ich bin eine Träumerin… und so gibt mir tatsächlich auch die Vorstellung an eine Schwangerschaft und ein glückliches Familienleben sehr viel Kraft und Mut.

In meinen Gedanken stelle ich mir oft vor wie das sein könnte, schwanger sein, ein Baby bekommen und dieses unendliche Glücksgefühl einer eigenen Familie zu erleben.

Selbstverständlich ist alles stets rosarot und durchweg positiv… Außerdem lebe ich in der Zukunft, schaue nach Möglichkeiten nie zurück in die Vergangenheit. Denn diese kann ich nicht mehr ändern.

 

 

 

 

 

Wegweiser Kinderwunsch: 
Wie offen gehst Du mit dem unerfüllten Kinderwunsch um?

Jenny:

Wir gehen sehr offen mit dem Thema unerfüllter Kinderwunsch und unseren Kinderwunschbehandlungen um. Sowohl Familie, als auch Freunde und Arbeitskollegen (auch der Chef) sind eingeweiht und teilweise stark involviert.

Sie sind auch sehr interessiert, begleiten uns gerne und hoffen mit. Das erleichtert uns einfach alles. Es war für uns die allerbeste Entscheidung so zu verfahren. Vorher waren wir mit unserer Trauer nur für uns, jetzt decken uns viele wunderbare Menschen den Rücken.

Wegweiser Kinderwunsch:
Wurdest Du in Bezug auf den Kinderwunsch mit unsensiblen Fragen oder gut gemeinten Ratschlägen konfrontiert? Kannst Du uns ein Beispiel nennen und sagen, wie du damit umgegangen bist.

Jenny: 

Ja, das passiert immer wieder. Oft meinen es die Leute gar nicht so bewusst unsensibel, was vielleicht noch schlimmer ist. Da es eigentlich nur zeigt, wie wenig Ahnung viele von dem ganzen Thema unerfüllter Kinderwunsch und künstliche Befruchtung haben. Wirklich verstehen kann das auch nur jemand, der Hoffnung und Angst, Freud und Leid dieses Weges aus eigener Erfahrung kennt.

DIESEN WEG ERTRAGEN ZU KÖNNEN (KÖRPERLICH UND SEELISCH). ICH FINDE, DAS ZEUGT VON VIEL KRAFT UND STÄRKE.

Mir hat mal jemand gesagt (nicht gefragt!): „Wie kannst du deinem Körper so etwas antun!“. Das hat mich sehr verletzt. Ich schunde meinen Körper nicht, sondern kämpfe was das Zeug hält für meinen größten Traum. Mir hilft solche Kommentare zu verdauen, indem ich auf mich selber eigentlich sehr stolz bin, diesen Weg ertragen zu können (körperlich und seelisch). Ich finde, das zeugt von viel Kraft und Stärke.

Desweiteren hat ein Arzt mal zu mir gesagt: „Adoptieren Sie doch einfach, es gibt so viele elternlose Kinder auf dieser Welt.“. Auf den ersten Blick scheint er Recht zu haben und es lieb zu meinen. Mich stört daran das Wort ‚einfach‘ allerdings sehr. An der Entscheidung seinen eigenen Kinderwunsch aufzugeben ist rein gar nichts einfach. Nichts am Kinderwunsch ist einfach. Das Herz muss im Reinen sein und abschließen können, um nicht ewig zu bereuen.

Unheimlich verletztend sind für mich auch diese super seltenen Wunderfälle, die mir aufgeregt erzählt werden. Das bezweckt in mir nur eins: noch mehr Wut auf mein eigenes Schicksal. Ja, es gibt diese Fälle… aber mich interessieren nur diese Sachen die für mich wahrscheinlich sind. Mit allem anderen kann und will ich mich nicht belasten. Das verstehen die Meisten leider nicht. Daher werde ich in solchen Situationen oft unfreundlicher als es für gewöhnlich meine Art ist. Immerhin ist mein Standpunkt danach sehr klar ;-).

 

Wegweiser Kinderwunsch:
Wie weit würdest Du für den Kinderwunsch gehen?

Jenny:

Das ist eine gute Frage. Zu 100% kann ich das gar nicht beantworten, da ich unsere Grenzen noch nicht erkennen kann. Ich weiß nicht wie viele künstliche Befruchtungen wir noch aushalten können, wir haben da kein Limit vordefiniert.

Im Moment – kurz vor der 5. ICSI – haben wir genug Kraft weiter zu machen, sollte es auch dieses Mal nicht klappen. Doch wissen wir nicht, ob wir das finanziell auch können. Das belastet uns so sehr. Was für andere so schnell, einfach und kostenlos funktioniert, kostet uns viel Zeit, Nerven und vor allem Geld.

Natürlich haben wir auch schon über Alternativen wie Adoption, Samen- oder Eizellspende gesprochen, diese Gedanken aber nie ernsthaft zuende geführt. Auch diese Wege zu beschreiten kostet eine Menge von allem, sodass wir uns aktuell nur darauf konzentrieren wollen für ein eigenes, leibliches Kind zu kämpfen.

Wegweiser Kinderwunsch:
Möchtest Du den Lesern sonst noch etwas mit auf den Weg geben? 

Jenny:

Da wären drei Sachen die ich persönlich als sehr wichtig erachte und die aus meiner Erfahrung heraus auch sehr wichtig sind:

Zum einen sollte man stets auf sein Gefühl hören. Wenn man das Gefühl hat ‚da stimmt etwas nicht‘, sollte man diesem nachgehen. Wenn Ärzte versuchen das Anliegen herunter zu spielen, hartnäckig sein und ggf. eine Zweit-, Dritt- oder Viertmeinung einholen. Solange bis man zufrieden und sich sicher ist.

Zum anderen sollte man sich immer selber informieren über das was im Körper passiert, was warum gemacht wird, was Medikamente bewirken. Man sollte nicht naiv sein, sondern immer selber die Zügel in der Hand halten können. Wenn man etwas nicht versteht, nochmal nachfragen und auf eine Erklärung bestehen. Ich finde, es gibt nichts Schlimmeres als unwissend und daraus resultierend unsicher zu sein.

Zum Schluss möchte ich jedem empfehlen sich zwischen einzelnen Behandlungen so lange eine Pause zu gönnen, bis nicht nur Körper, sondern auch Geist sich erholt haben. Es bringt überhaupt nichts eine Behandlung nach der anderen durchzuziehen und anschließend völlig erschöpft unter der Belastung und dem Druck zusammen zu brechen. Das wiegt viel schwerer als die Ungeduld, weswegen leider viele eine Pause für nicht wichtig erachten.

Wegweiser Kinderwunsch:
Vielen Dank Jenny für deine offenen Worte. Toll, dass du deine Erfahrungen mit den Lesern hier teilst. Vor allem, wenn man die erste künstliche Befruchtung erst vor sich hat, weiß man noch nicht so genau, was auf einen zukommen kann. Danke auch für deine wertvollen Tipps am Ende des Gesprächs. Für deinen weiteren Weg zum Wunschkind ganz viel Glück, Kraft und alles erdenklich Gute!
Gerne können die Leser hier einen Kommentar für Jenny hinterlassen (auf der Seite ganz unten). 

3 Kommentare
  1. Steffi
    Steffi says:

    Hallo Jenny,
    das war ein wirklich tolles Interview!
    Wir stehen vor unserer ersten ICSI und da bin ich für jeden Erfahrungsbericht dankbar!
    Ich glaube an Euch, wünsche euch Kraft und unmengen an Glück!
    Herzliche Grüße
    Steffi

    Antworten
  2. Anne
    Anne says:

    Liebe Jenny,
    ich habe deine Zeilen gelesen und das Gefühl gehabt ich hätte sie selber geschrieben – nun sitze ich ich hier und habe Tränen in den Augen… Ich finde mich so sehr in deinen Zeilen wieder. Das ist traurig und schön zugleich, weil man sich plötzlich verstanden und nicht mehr so alleine fühlt. Wir haben mittlerweile unzählige Untersuchungen und 10 Versuche hinter uns, allesamt negativ. Niemand kann uns sagen woran es liegen könnte. Jetzt wagen wir es erneut und die Angst, dass es mal wieder schief geht ist wahnsinnig groß. Aber trotzdem lässt einen das Ziel, der Wunsch nach dem eigenen Kind Unmenschliches aushalten und lässt das kleine Flämmchen der Hoffnung weiter glimmen.
    Danke für dein Interview und ich hoffe mittlerweile hat es bei dir geklappt!! ♥

    Antworten

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